Weltstadt oder so? Brigantium im 1. Jh. n. Chr.

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Weltstadt oder so? Brigantium im 1. Jh. n. Chr.

Ein Forum groß wie ein Fußballfeld, eine Therme, das Handwerks- und Händlerquartier am Bregenzer Tschermakgarten, der rekonstruierbare Kaiserkultbezirk am Sennbühel – die öffentlichen und privaten Bauten aus dem Brigantium des 1. Jh. n. Chr. beflügeln die Fantasie. War Bregenz zur Römerzeit eine Stadt? Der eindeutige Beweis dafür fehlt. Nach der vielgelobten Ausstellung Römer oder so? geht es nun in Weltstadt oder so? um den Ort Brigantium und um das Zusammenleben. Wie sah Brigantium aus? Wer lebte und arbeitete hier? Gab es eine Verwaltung, ein Steuer- und Sozialwesen? Wie funktionierte die Wirtschaft und zu welchen Göttern beteten die Menschen? Auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und archäologischer Funde lädt die Schau ein, gut informiert über Brigantium, seine Bewohner und Besucher zu spekulieren.

Die Römer eroberten um 15 v. Chr. das Gebiet um den Bodensee. Eine Region, in der heute rund drei Millionen Menschen leben, zur Römerzeit waren es auf dem sumpfigen, stark bewaldeten Boden vielleicht 50.000 bis 100.000. Archäologinnen und Archäologen konnten bis heute die Existenz von rund 100 Siedlungsplätzen nachweisen, die über Verkehrswege miteinander verbunden waren: Welche Rolle spielte damals Bregenz?
Auf den ersten Blick ist es ein Rätsel. Die Bauten in Brigantium sind überdimensioniert für die wenigen Hundert Menschen, die in der „Stadt“ lebten – die Einwohnerzahl erschließt sich aus Untersuchungen des hiesigen römischen Gräberfeldes. Nachdem um 45 n. Chr. das Lager aus Holz für die rund 500 Soldaten abgerissen wurde, begann 25 Jahre später ein regelrechter Bauboom. Das Forum, der Hauptplatz von Brigantium, war so groß wie ein Fußballfeld.

Das Forum von Brigantium
Durch die jüngsten Ausgrabungen am Bregenzer Ölrain in den Jahren 2016/17 kann nun das Forum exakt rekonstruiert werden – zu sehen in Weltstadt oder so? wandfüllend aus Fäden gesponnen. Ein Forum Romanum, wie üblich mit Tempel, einem umlaufenden, überdachten Gang mit ca. acht Meter hohen Säulen und einer vielleicht dreischiffigen Versammlungshalle am Rand, der so genannten Basilica. Zur angrenzenden Straße schützten Poller die Fußgänger. Schon damals viel Verkehr in Bregenz? Und im Forum standen zahlreiche Statuen. Archäologen entdeckten vor allem 1885 und 2016/17 insgesamt 55 Reste großer Figuren, unter anderem einen Bronzeflügel, der vermutlich zu einer eineinhalb Meter großen Statue der Siegesgöttin Victoria gehörte. Ferner Speerspitzen, Gewandstücke, Haarteile oder den Pferdehuf einer Reiterstatue. Alles viel zu mächtig, viel zu pompös für den kleinen Ort, weshalb ein Rückschluss zulässig ist: Den Römern ging es in ihrer Bautätigkeit auch um Machtdemonstration, um den „römischen Fußabdruck“. Sie wollten zeigen, wer sie sind, zu welchen Leistungen die neue Macht fähig ist. Und über Statuen kommunizierten die Römer mit der hiesigen Bevölkerung. Wie sonst hätte man in der Provinz wissen können, wer der aktuelle römische Kaiser ist – und wie er aussieht?

Weltstadt oder so? Brigantium im 1. Jh. n. Chr., Foto: Miro Kuzmanovic

Die Rolle von Brigantium
Brigantium war nach derzeitigem Forschungsstand nach römischem Recht keine Stadt in klassischem Sinn. Ihre Bedeutung ergibt sich durch die günstige Lage an zwei Verkehrsachsen und natürlich durch den Bodensee. Güterverkehr und Handel spielten eine zentrale Rolle. Wer es sich leisten konnte, aß Austern vom Atlantik. Amphoren wurden gefunden, wie sie sie wegen ihrer Dimension nur Großhändler gebrauchen konnten. In ihnen wurde auch eine fermentierte Fischsauce aus dem Mittelmeer transportiert. Eine beliebte Methode, Speisen zu würzen. Kulinarisches aus fernen Ländern? Von Marseille bis nach Bregenz konnten Waren fast durchgängig per Schiff transportiert werden. Die Schiffe hatten je nach Größe eine Lastkraft von 10–40 Tonnen. Ein begehbarer Nachbau, zumindest vom Bug eines Schiffes, ist in der Ausstellung zu sehen und zu entern.

Shoppen in Bregenz
Nach Brigantium kam man aus den umliegenden Siedlungen, um einzukaufen. Und in Brigantium ließen sich das Baugewerbe und Handwerker nieder: Schmiede, Schuhmacher, Töpfer, Drechsler, Steinmetze, Schneider, die der Nachwelt Bohrer, Stemmeisen, Beile, Nähnadeln, Schuhnägel oder Hammer und Meißel hinterließen. Auch landwirtschaftliches Gerät wurde gefunden, unter anderem Teile eines Pfluges, Wetzsteine, Rebmesser, Sicheln, auch eine Kastrierzange. In einer witzigen Installation werden heutige Produkte jenen aus der Römerzeit gegenübergestellt, im Übrigen auch Schmuck und Glaswaren, Zeugnisse einer phänomenalen Handwerkskunst.
Das vermutlich lebendige Treiben in Brigantium endete im 3. Jh. n. Chr. Die Gebäude begannen zu verfallen, als Siedlungsgebiet gewann die Bregenzer Oberstadt an Bedeutung.

Weltstadt oder so?
ist die Fortsetzung der beliebten und erfolgreichen Ausstellung Römer oder so, von der der österreichische Museologe Gottfried Fliedl sagte: Sie „gehört zum Besten, Klügsten und Witzigsten, was ich in den letzten Jahren an Ausstellungen gesehen habe.“ Interaktive Stationen laden ein, die Arbeitsweise von Archäologinnen und Archäologen kennenzulernen, sich mit Größenverhältnissen, demografischen Informationen oder Produkten am Markt auseinanderzusetzen. Mit Projektionen auf einem 3-D-Modell von Bregenz wird die Stadtentwicklung von Brigantium während zweier Jahrhunderte sichtbar gemacht und die längst nicht mehr vorhandenen Gebäude im heutigen Stadtgebiet verortet (nachzusehen auch unter www.bregenz.gv.at/rathaus/news/showNews/das-roemische-bregenz-als-digitaler-stadtplan/).

Wiederum werden die beiden „illustrativen“ Archäologinnen Frau Grabowska und Frau Schichtle den neuen Fragenkomplex zum antiken Brigantium in einem animierten Film einführen. Sie führen vor allem den jüngeren Besucherinnen und Besuchern archäologische Arbeitsweisen – diesmal insbesondere die Darstellung von Funden in Modellen und maßstäblichen Verkleinerungen (und Vergrößerungen) – vor Augen. Die Ausstellung macht das Spekulative im Forschungsfeld der Archäologie und gleichzeitig unsere Erwartungshaltungen sichtbar. Wie entstehen Bilder und Vorstellungen einer Vergangenheit? Woraus nähren sie sich? Wo sind gesicherte Funde, wo bietet sich der Vergleich an und wann beginnt die Spekulation?

Mehr Infos unter www.vorarlbergmuseum.at

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