2000 m über dem Meer. Vorarlberg, Silvretta und die Kunst

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Ausstellung im Atrium vorarlberg museum | 27. März bis 27. Juni 2021

2000 m über dem Meer. Vorarlberg, Silvretta und die Kunst

In fünf Kapiteln schlägt die Ausstellung eine Brücke vom Sammlungsschwerpunkt „Alpines“ zu den acht künstlerischen Positionen, die im Rahmen des zweiwöchigen „SilvrettAtelier2020“ in der Silvretta im Montafon entstanden sind. Die ausgewählten Werke thematisieren den Berg als Idol, dessen Unerreichbarkeit zumindest in der Abbildung eingefangen wird. Es geht um Sehnsuchtsorte, Gipfelsiege, aber auch um Eingriffe der Tourismuswirtschaft in die Natur. Gezeigt werden Bergansichten bekannter Alpinisten ebenso wie Land Art-Projekte, witzige Nachbildungen berühmter Gipfel als „mountains to go“ oder fotografische Panoramen unserer domestizierten Hochgebirgslandschaft. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Ein Wanderweg führt durch das lichtdurchflutete Atrium des vorarlberg museums. Beim Berg geht es immer auch um die Perspektive – blickt man vom Tal hinauf oder schweift der Blick vom höchsten Punkt aus. Aber der Pfad folgt auch einer zeitlichen Dimension. Die Ausstellung zeigt, wie sich die Sicht der Künstlerinnen und Künstler auf den Berg seit dem frühen 20. Jahrhundert gewandelt hat: Indem sie ihn erstens abbilden, zweitens bezwingen, drittens nachbilden oder viertens – wie öfters in der zeitgenössischen Kunst der Fall – sich das Idol gänzlich einverleiben, die Kunst quasi in ihn einschreiben. Die Sammlung des vorarlberg museums erlaubt diesen Rundumblick. Seit 2013 ist Alpines ein Sammlungsschwerpunkt, 200 Kunstwerke und Alltagsobjekte wurden seither angekauft – ergänzt um die Arbeiten, die beim biennal stattfindenden SilvrettAtelier auf der Versettla im Montafon entstanden sind im Kapitel fünf.

Der Berg und die Kunst
Die Berge wurden in der Zeit vor der Aufklärung lange als Verwirrung der Natur gesehen. Erst mit ihrer Entmythologisierung durch die naturwissenschaftliche Erforschung trat die Erhabenheit und Schönheit in den Vordergrund. Aus den „Ruinen“ wurde ein Symbol für die Unbegrenztheit der Natur und die Endlichkeit des Menschen. Dieser romantisierenden Sichtweise entspricht eine Blickrichtung von unten nach oben – eine Perspektive, die dank der Werbeindustrie in Form von Plakaten, Postkarten und Druckgrafiken bis heute weite Verbreitung findet.

Eine andere Herangehensweise ergab sich durch die dem Menschen eigene Eroberungslust, denn die Alpen erwiesen sich als ideale Projektionsfläche für die Sehnsüchte eines liberalen und aufgeklärten Bürgertums. Adelige und bourgeoise Hochgebirgstouristen nutzten die Neuerungen der Technik und hielten ihre alpinistischen Eroberungen mit der Kamera fest. Der Blick von oben war nun ein beherrschender. Der Mensch selbst ist es, der sich hier als Herrscher über die Natur manifestiert.

Das so aufgeladene Gebirgsbild war geradezu prädestiniert für eine Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus. Ein Makel, der den Alpen bis in die 1980er Jahre anhaftete. Im ausgehenden 20. Jahrhundert erweiterte sich der Motivfundus, denn viele Künstler*innen wandten sich immer brennenderen Themen wie der Vermarktung und dem Ausverkauf der Natur in den alpinen Tourismusregionen zu. Plötzlich standen der Klimawandel samt Gletscherschmelze und Naturkatastrophen sowie die schleichende Verstädterung im Fokus der künstlerischen Reflexion, schmerzhaft die landschaftlichen Auswirkungen des Massentourismus. Und dennoch: Die Darstellungen alpiner Natur wecken bis heute eine diffuse Sehnsucht. Das lassen die zahllosen Social-Media-Postings erahnen und die Bergdoktoren im TV.

2000 m über dem Meer, 2020. Foto © Kirstin Tödtling

Von Naturromantik bis „mountains to go“
Das älteste in der Ausstellung gezeigte Bildnis ist ein Aquarell des Vorarlberger Gymnasialprofessors und Zeichenlehrers Franz Gradl (1876–1954), das in zweierlei Hinsicht bedeutsam ist: Zum einen handelt es sich um eine frühe Ansicht des Piz Buin, des höchsten Gipfels in Vorarlberg, zum anderen ist das Aquarell eine Kopie nach einem Werk des bedeutendsten Malers des heroischen Alpinismus, Edward Theodore Compton (1849–1921). Zu dieser Zeit verstand niemand das Bild der Berge und den Kampf der Bergsteiger gegen die Naturgewalten besser einzufangen als der gebürtige Engländer, der als Jugendlicher nach Deutschland auswanderte und seine Leidenschaft für den Alpinismus in topografisch korrekten Gebirgsansichten festhielt. Es ist der Blick des heldenhaften Eroberers, der uns das Erhabene und Ursprüngliche als Paradies jenseits städtischer Zivilisation vor Augen führt.

Wie ändert sich der Blick auf die Alpen, wenn die vermeintliche Zähmung der Natur zum Thema wird? Durch die Augen mancher Künstler*innen gesehen erscheinen diese Eingriffe sogar als elegant und schön. Ein Paradebeispiel eines solchen Paradoxons stellt Karin Schneider-Meyers Schwarz-Weiß-Fotografie mit dem Titel „Vernagelung der Berge“ dar. Einem Häkelmuster gleich wird der riesige Berg durch die parallel angeordneten Lawinenverbauungen strukturiert und in die Fläche verwoben. Erst langsam sickert die Erkenntnis über diesen brachialen Landschaftseingriff ins Bewusstsein der Betrachter*innen.

Die Nachbildung der Berge nimmt ein der zeitgenössischen Kunst eine große Rolle ein, die Möglichkeiten sind mannigfaltig. Die in Wien lebende Vorarlbergerin Cäcilia Falk (* 1963) nähert sich dem Berg schneidend an. Die Künstlerin bewältigt den Gipfel, indem sie ihn minimiert und auf Spielzeugformat bringt. Aus Styropor schneidet sie ihre Transportable Mountains nach den bekannten und benannten Spitzen ihrer Heimat, verpackt sie in bunte Transportkisten und macht sie mobil, quasi „Mountains to go“.

Unter den jüngst eingegangenen Werken der alpinen Sammlung des vorarlberg museums fällt die „künstlerische Aneignung“ des Berges auf. Wurde bislang nach der Natur geschaffen, wird nun der Berg selbst gestaltet: idealistisch, manipulativ, satirisch, manchmal dokumentarisch. Die Vorarlberger Künstlerin Maria Anwander (* 1980) setzte sich als Teilnehmerin des SilvrettAteliers 2016 mit Bedeutung von Wegmarkierungen im Hochgebirge auseinander. Sie entfernte kurzerhand über eine Strecke von drei Kilometer alle blau-weißen Markierungen aus den Trägermaterialien. Ohne Orientierungshilfe werden die Tourengeher*innen auf das zurückgeworfen, was sie sind: Fremdkörper in einem kargen, äußerst labilen und für Menschen gefährlichen und durch sie gefährdeten Ökosystem.

Schnee von gestern
Die Ausstellung „2000 m über dem Meer“ erstreckt sich auch auf den Kornmarktplatz. Neben der Eingangstür zum Museum stehen zwei Schneekanonen. Keine funktionstüchtigen, die Künstler Franz Lun und Michael Heindl bauten sie aus Materialien eines oberösterreichischen Vierkanthofs. Das Gebäude muss abgerissen werden, es steht in einer Hochwasserschutzzone der Donau. Ein 300-Jahre-altes bäuerliches Anwesen als unmittelbares Opfer des Klimawandels. Michael Heindl: „Mittels Schneekanonen wird unter Verwendung großer Mengen an Wasser und Energie eine Substanz hergestellt, an der es aufgrund der übertriebenen Nutzung von Energie und Rohstoffen mangelt. Die Folge ist, dass sich der Planet erwärmt und der Wasserspiegel steigt, auch jener der Donau.“

Franz Stefan Lun war neben Regula Dettwiler, Roland Haas, Markus Hiesleitner, Sabine Marte, Payer Gabriel, Roman Pfeffer und Isa Schmidlehner Teilnehmer des SilvrettAtelier Montafon 2020 (siehe Handout). Die dort (oder später in den Ateliers) entstandenen Arbeiten vervollständigen in der Ausstellung den Blick auf das Thema Berg.

vorarlberg museum
Kornmarktplatz 1, 6900 Bregenz
www.vorarlbergmuseum.at

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